27. Bundesparteitag der F.D.P in Frankfurt am Main (Bundesarchiv, B 145 Bild-F049586-0029 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA 3.0)

Hildegard Hamm-Brücher
Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F049586-0029 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA 3.0

 

Hildebrecht Braun, Dezember 2016

Sie war die größte Liberale, Hildegard Hamm-Brücher.

Ich habe in den vergangenen 50 Jahren viel mit ihr zusammengearbeitet. Ich stand ihr auch im letzten Jahr nahe. Sie war noch zweimal unser Gast beim Liberalen Lunch und dies mit großer Freude, wie sie mir bestätigte.

Ich will nur wenige Punkte hervorheben, die in den Medien zu kurz kamen oder die gar nicht bekannt waren:
Frau Hamm-Brücher war immer unbequem, auch für ihre eigenen Fraktionskollegen. So wurde sie 1962 auf Platz 17 der oberbayerischen Liste gesetzt, weil die Mehrheit, die damals stramm konservativ – das ist höflich ausgedrückt – war, sie nicht mehr im Parlament haben wollte. Es war wohl die erste Wählerinitiative mit Nobelpreisträgern, Künstlern und vielen einfachen Bürgern, die Hildegard Hamm-Brücher unbedingt wieder im Parlament sehen wollten. Sie haben dafür gesorgt, dass sie auf Platz 1 vorgewählt wurde.

1964 war auf das konsequente Betreiben von Frau Hamm-Brücher der bayerische Kultusminister Theodor Maunz (1957 – 1964 im Amt) zurückgetreten, nachdem Aufsätze und Reden dieses führenden Naziprofessors veröffentlicht wurden.

So schrieb er schon 1934:

„Die Vorstellung, der Zweck der Verwaltungsrechtspflege bestehe im Schutz der Freiheitsrechte des Individuums gegen Maßnahmen der staatlichen Verwaltung, mochte im liberalen Staat eine Berechtigung gehabt haben, im nationalsozialistischen Staat muss sie ausgeschaltet werden… Das zentrale Rechtsgebilde, hinter dem alle anderen Rechtsgebilde zurückzutreten haben, ist der politische Führer. Soweit es der Bedeutung dieses Gebildes widerspricht, ist jede richterliche Tätigkeit auf dem Gebiete der Verwaltung unmöglich.“

1966 fiel die FDP aus dem Landtag, weil sie zwar landesweit mehr als fünf Prozent hatte, aber in keinem Regierungsbezirk mehr als zehn Prozent. Das war damals von der Verfassung gefordert.

HB legte aber ihre Hände nicht in der Schoß und beklagte etwa, dass die Partei ihr nicht den Wiedereinzug ins Parlament ermöglicht hatte, sondern startete ihre größte und wichtigste Initiative.

Das erste Volksbegehren in Bayern für die christliche Gemeinschaftsschule.

Die elende Trennung von Kindern in katholischen und evangelischen öffentlichen Schulen und eine staatlich-konfessionelle Lehrerbildung (inklusive Sportunterricht) sollten beendet werden. Sie hatte Erfolg. Die Verfassung wurde geändert. Zugleich wurde HB bekämpft, weil sie der damaligen angeblichen bayerischen „Leitkultur“ zuwider handelte.

Ich erinnere mich sehr gut: Ich stand neben Frau Hamm-Brücher am Marienplatz. Sie versuchte Bürgern die Wichtigkeit unseres Volksbegehrens nahe zu bringen. Da baute sich ein Mann vor ihr auf, spuckte ihr ins Gesicht und schrie: „Du Kommunistensau.“.
Sie wischte sich die Spucke mit der Hand ab …. und sprach weiter.

Diese Geradlinigkeit, diese tiefe liberale Überzeugung, dieser Mut: So war sie Vorbild für viele, viele Menschen, die über sie oft auch den Weg zur FDP fanden.

Sie galt nicht zu Unrecht schon in den Jahren davor als „der einzige Mann im bayerischen Landtag“. Heute würde man eine solche Aussage in den Medien als politisch unkorrekt werten; damals wurde sie nur als große Anerkennung wahrgenommen.

1970 war sie Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium geworden und konnte dort ihre bildungspolitischen Grundsätze in der Praxis umsetzen, was ihr im Landtag als Oppositionspolitikerin, die ihrer Zeit weit voraus war, verwehrt blieb.

Sie hatte den Landtag nach 16 Jahren Zugehörigkeit „gestrichen dick“; dennoch ließ sie sich in die Pflicht nehmen, wieder für den Landtag anzutreten, weil auch sie wusste, dass nur sie es schaffen könnte, die FDP nach der Gründung der sozialliberalen Koalition in Bonn, die viele FDP-Wähler verschreckt hatte, wieder in den Landtag zu führen. Ich durfte damals ihren Wahlkampf leiten.

Sie erzielte in Mittelfranken 12,4 Prozent. Wir waren wieder im Landtag. Was aber noch viel wichtiger war: die sozial-liberale Koalition in Bonn, die unter einer zerbröckelnden FDP litt, wurde stabilisiert. So hat HB in Bayern ganz wesentlich dazu beigetragen, dass in Bonn die für unser Land so wichtigen Ost-Verträge durch die Regierung Brandt/Scheel durchgesetzt werden konnten.

Ihr ganzes Engagement in Bonn galt der Werbung für die Demokratie und der Stärkung der Rechte der einzelnen Abgeordneten gegenüber Fraktionsvorständen.

Frau Hamm-Brücher war eine begnadete Werberin für das Ansehen des Parlaments.

Ich will aber dennoch eine Anmerkung zum Schmunzeln anfügen:

Sie hatte Mitte der 80er Jahre viele, meist junge, Abgeordnete aller Fraktionen um sich geschart, um mit ihnen gemeinsam verkrustete Strukturen des Parlamentsbetriebs aufzubrechen und das Bild des nur seinem Gewissen verantwortlichen einzelnen Abgeordneten zu stärken.

Es gelang dieser Gruppe, das Präsidium des Bundestages dazu zu bringen, einen ganzen Tag nur über die Reform des Parlaments und die Stärkung der Rechte der Abgeordneten debattieren zu lassen. Sehr viele Abgeordnete wollten sprechen. Die Gruppe einigte sich daher auf einen Antrag, wonach jeder nur 5 Minuten sprechen würde.

Schnell einigte man sich darauf, dass als erste Rednerin Frau Hamm-Brücher in die Bütt steigen sollte. So geschah es dann auch und sie sprach – 25 Minuten…!

Nie hat eine Person der FDP mehr Ausstrahlung gehabt, mehr für die Liberalen werben können.

Sie hat Menschen begeistert und erfolgreich dazu aufgerufen, in der FDP und für die FDP Verantwortung zu übernehmen.

Die Liberalen haben allen Grund, ihrer in großer Dankbarkeit zu gedenken.